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Wir verstehen das nicht!

26.01.2018

 

Einmal im Monat interessiere ich mich ja neben Kochrezepten auch drei Sekunden lang für Politik. Und so erfuhr ich kürzlich vom Generationenkonflikt innerhalb der SPD. Der Chef der Jungsozialisten will keine große Koalition. Und die Älteren nehmen ihn nicht ernst, weil der Mann mit Vornamen Kevin heißt. Man kann es den älteren Herr- und Damenschaften aber auch nicht verübeln. Denn die Welt da draußen ist nicht mehr so einfach wie zur Zeit des Säbelzahnzigers und der Ado-Goldkante. Wie man außerdem weiß, ist Kevin kein Name, sondern eine Diagnose. Außerdem ist der Rotzlöffel so frech, nicht mal 30 zu sein. Er wird folgerichtig von den Politsauriern bei Maybritt Illner geduzt. Und in TV-Interviews gefragt, ob er in einer WG wohnt. Vermutlich muss er sich auch fragen lassen, ob sein Fahrrad Stützräder hat und ob er seinen Popel in Honig taucht, bevor er ihn isst. Was alte Leute junge Früchtchen eben so fragen. Mich erstaunt an der im Internet mit reichlich Beispielen, O-Tönen, Clips und Screenshots geführten Debatte eigentlich nur, dass die SPD noch Mitglieder unter 30 hat. Ansonsten ist diese Debatte nur ein kleiner Frontabschnitt im gottseidank noch unblutig ausgetragenen Generationenkonflikt. Unser Land hat viele alte Babyboomer und wenig junge Babyloser. Zwischen ihnen knirscht es gewaltig, und zwar exakt an der Stelle, wo sich die Leute meiner Generation rumdrücken. Die zwar auch irgendwie da sind, aber nicht so richtig in Erscheinung treten. Auch in der Alterspyramide ist nämlich die Mittelschicht weggebrochen. Vermutlich melden sich Menschen meines Alters aber auch nicht zu Wort, weil sie selber gerade Kleinkinder großziehen (endlich mal was Sinnvolles vollbracht) oder hektisch schnell noch ihr Leben leben müssen. Sie stürzen sich in Hausbau, Weltreise, Extremsport oder irgendeinen anderen Wahnsinn. Weil die mit Mitte 20 zur Welt gebrachten Kinder endlich aus dem Haus sind. Und gerade noch ein bisschen Geld da ist, bevor die unausweichliche Altersarmut ausbricht. Rechts und links daneben kämpft Alt gegen Jung – das ewige Lied. Und ich stehe an der Seite und schaue interessiert zu. Dass die Alten die Jungen nicht verstehen, kenne ich ein bisschen auch schon von mir. Ich raffe nicht, was da einige Poetry Slammer und blutjunge Kölner Comedians auf YouTube treiben. Ich sehe mir das an und denke „Aha. Verstehe ich nicht.“ Aber sie haben reichlich Publikum, das im Gegensatz zu mir die Codes kennt. Also ist das für mich in Ordnung. Ich bin nicht die Zielgruppe. Ich konnte als Teenie auch nicht über Loriot lachen. Oder über den Scheibenwischer. Und jetzt muss ich nicht mehr alles verstehen. Ich habe auch keine Zeit mehr, mich mit allem auseinanderzusetzen. Ich habe ja nicht mal Zeit, zum Friseur zu gehen – man sehe sich nur oben das Selfie an, für das ich extra meinen schwarzen Politkabarettistenrollkragenpullover aus dem Koffer geholt habe. Damit kann ich ein echt amtliches und altehrwürdiges Doppelkinn formen. Aus vielen Gesprächen weiß ich beispielsweise auch, dass das reife Kabarettpublikum „Die Anstalt“ im ZDF ü-ber-haupt nicht mag. Und darum nicht guckt. Den durch Urban Priol und Volker Pispers geschulten Kabarettfans fehlt das traditionelle Politikerbashing, das hierzulande als „Politkabarett“ missverstanden wird. Das wollen sie sehen, alles andere ist ihnen egal. Dabei macht „Die Anstalt“ hochpolitisches Kabarett. Politik ist ja immer auch privat. Und „Die Anstalt“ müht sich, Zusammenhänge aufzuzeigen. Denn was kann ein Politiker schon ausrichten, der von Lobbyisten weichgeknetet wird, die letztlich im Dienste ihrer Konsumenten unterwegs sind, die das Business des Lobbyisten tagsüber durch ihr Kaufverhalten am Laufen halten, während sie abends vorm Fernseher sitzen und höhnisch über verballhornte Politiker lachen. Die ihrerseits völlig verzweifelt und verunsichert ihre letzten Wählertruppen mit platten Parolen und bizarren Ängsten zu steuern versuchen und das ganze als Demokratie definieren. Manchmal, aber nicht zu oft, schießt „Die Anstalt“ freilich ein bisschen übers Ziel hinaus oder versäumt bedauerlicherweise, lustig zu sein. Aber sie hat ein Alleinstellungsmerkmal. Und das heißt nun mal „Bildungsauftrag“. Und das ist bei mindestens zwanzig monatlichen witzigen und lustigen und ach so komischen Kabarett- und Comedyshows allein im öffentlich rechtlichen Fernsehen gleichermaßen selten wie Gold wert. Die jungen Zuschauer hängen Claus von Wagner und Max Uthoff an den Lippen. Sie twittern sich auch hochengagiert während jeder Ausgabe der „Anstalt“ die Finger heiß. Während die alten Politkabarettfans in Scharen davonlaufen und nur noch von einigen Sendungen in dritten Programmen ihre gewohnte und wohl auch benötigte Kost bekommen. Das ist, kurz zusammengefasst, der Generationenkonflikt in meinem Berufsfeld. Alt gegen Jung. Und ich mit meinen Themen mittendrin. Und über Netflix bzw. Amazon Prime, die dem traditionellen Fernsehen gerade ein ähnliches Grab schaufeln wie vor kurzem Apple der Musik- und Fotokameraindustrie, habe ich noch nicht mal ansatzweise geschrieben. Und jetzt gucke ich wieder aus dem ICE-Fenster. Guck mal da: ein Vögelchen!